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Weihnachten ohne Gewissheit
„Über Verantwortung, Zumutung und die Fragilität der Mitte.“

Weihnachten: Gemeinschaft. Zusammenhalt. Frieden.

Weihnachten ist die Zeit der großen Worte: Gemeinschaft. Zusammenhalt. Frieden. Kaum ein Begriff wird dabei so häufig beschworen und so selten überprüft wie das „Wir“. Vielleicht, weil wir spüren, dass es brüchig geworden ist. Und weil wir hoffen, es allein durch Wiederholung retten zu können.

Ohne Zweifel wirkt unsere Gesellschaft zerrissen – nicht nur politisch, sondern innerlich. Es ist die demokratiezersetzende Lust an der Inszenierung eines vermeintlichen Untergangs, die zugleich verängstigt und entlastet. Wenn der Untergang ohnehin bevorsteht, kann auch ich verharren. Dann muss ich nichts mehr entscheiden.

Das Gefährliche ist dabei nicht die Angst vor dem Niedergang, sondern seine stille Faszination. Der Verfall der Demokratie wird medial und politisch so genüsslich inszeniert, dass er seinen abschreckenden Charakter verliert. Wo der Niedergang zur Dauerschleife wird, bekommt er pornografische Züge: Er zeigt alles, erklärt nichts und entbindet von jeder persönlichen Verpflichtung. Rechtspopulistische Apokalypsen werden so zum PornHub des gesellschaftlichen Alltags. Der Zuschauer darf sich pausenlos erregen, empören, fürchten – ohne handeln zu müssen. Die Antworten dürfen inhaltsleer und faktenfrei sein. Es stört nicht, wenn der Untergang ohnehin als unausweichlich gilt.

So wird die Apokalypse nicht verhindert, sondern emotional aufgeladen zur letzten Schlacht stilisiert – vor allem von jenen, die vom Sofa oder Stammtisch aus mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen glänzen.

Doch woher kommt diese Zerrissenheit?

Wo entsteht die Ambivalenz zwischen dem Wunsch nach Sicherheit und dem Drang nach maximaler individueller Freiheit?
Zwischen moralischem Anspruch und praktischer Bequemlichkeit? Zwischen der Sehnsucht nach Gemeinschaft und der tiefen Abneigung gegen alles, was uns bindet und verpflichtet?

Diese Zerrissenheit ist kein Betriebsunfall der Gegenwart. Sie ist Ausdruck – und Bewährungsprobe – unseres humanistischen, aufgeklärten Menschenbildes: einer Gesellschaft, die Freiheit gelernt, Verantwortung aber verlernt hat.

Dabei wäre es zu einfach, diese Ambivalenz moralisch zu verurteilen. Uneindeutigkeit ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine menschliche Grundbedingung. Wer in einer hochkomplexen Welt lebt, muss Widersprüche aushalten können, um nicht dogmatisch oder weltfremd zu werden.

Der Übergang zur politischen Unehrlichkeit ist dennoch fließend. Sie entspringt oft weniger dem Zynismus als der Überforderung. Regierende wissen, dass sie Erwartungen nicht erfüllen können. Bürger wissen, dass sie Forderungen stellen, die sie selbst nicht tragen wollen.

Doch dieses Verständnis darf nicht blind machen für die Folgen. Demokratie lebt nicht von Haltungen allein, sondern von praktizierter Gegenseitigkeit. Sie setzt voraus, dass Menschen bereit sind, sich selbst zu begrenzen – nicht aus Zwang, sondern aus Einsicht. Wo diese Einsicht schwindet, wird das Gemeinwesen zur Projektionsfläche privater Wünsche. Das „Wir“ verkommt zum sprachlichen Ersatz für ein tief verankertes „Ich-Ich-Ich“. Am Ende soll bitte der Staat alles richten, ausgleichen, absichern – aber so, dass es mich möglichst wenig betrifft. Außer, es nützt mir persönlich.

Hier beginnt die eigentliche Krise. Leise, unspektakulär, aber tiefgreifend. Wenn das „Wir“ nur noch rhetorisch existiert, verliert es seine moralische Substanz. Besonders dort, wo politische Ränder Gemeinschaft beschwören, meinen sie oft nichts anderes als eine vergrößerte Version des eigenen Ichs. Solidarität wird selektiv, Verantwortung ethnisiert oder emotional aufgeladen. Das Gemeinsame dient nicht dem Ausgleich, sondern der Abgrenzung. Das ist keine Gemeinschaftsidee – es ist kollektiver Egoismus im moralischen Kostüm.

Es ist die Ouvertüre zu einer Schlacht, in der vermeintliche Heilsbringer Gefolgschaft einfordern werden. Gefolgschaft für eine Agenda, bei der streng zwischen Gefolge und Sonnenkönigen unterschieden wird. Und Sonnenkönige brauchen vor allem eines: möglichst willfähriges Gefolge, um zu glänzen. Das untergräbt das demokratische Prinzip der Gleichwertigkeit – und damit die Demokratie selbst.

Die Verantwortung der Mitte

Doch die Herausforderung liegt nicht nur an den Rändern. Sie liegt ebenso in der selbstzufriedenen, scheinbar übersättigten Mitte, die sich gern für vernünftig hält – und dabei übersieht, wie sehr auch sie sich an Entlastungsfantasien gewöhnt hat. Man zahlt Steuern und fühlt sich solidarisch. Man delegiert Verantwortung an Institutionen und glaubt, damit seiner Pflicht genügt zu haben.

Doch Steuern sind keine Wohltat. Sie sind keine moralische Leistung. Sie sind der Eintrittspreis in ein funktionierendes Gemeinwesen. Wer sie als Opfer empfindet, hat innerlich bereits Abschied von der Idee gemeinsamer Verantwortung genommen.

Ähnlich verhält es sich mit zivilem Engagement. Eine Gesellschaft, die kaum noch bereit ist, Zeit, Aufmerksamkeit oder Mitwirkung zu investieren, aber permanent nach dem Staat ruft, verkennt das Wesen von Demokratie. Demokratie ist kein Serviceversprechen. Sie ist ein Zumutungsverhältnis. Sie lebt davon, dass Bürger nicht nur fordern, sondern sich einbringen – sichtbar, konkret, manchmal unbequem. Wer sich dieser Zumutung entzieht und dennoch kollektive Lösungen einfordert, handelt asozial im eigentlichen Sinne: gemeinschaftsvergessen.

Hier liegt der Kern dessen, wofür ZUKUNFT MITTE steht. Nicht als politisches Lager, sondern als Haltung. Die Mitte ist kein Ort der Bequemlichkeit. Sie ist der schwierigste Raum einer Demokratie. Sie verlangt, Widersprüche auszuhalten, ohne sich aus der Verantwortung zu stehlen. Sie verlangt, Freiheit ernst zu nehmen – und ihre Kosten zu tragen. Sie verlangt, das Eigene zu relativieren, ohne sich selbst aufzugeben. Sie verlangt Opfer, ohne daraus ein permanentes Opfer-Narrativ zu machen.

Weihnachten erinnert – jenseits religiöser Bedeutung – an eine unbequeme Wahrheit: Gemeinschaft entsteht nicht aus Stärke, sondern aus der Anerkennung von Verletzlichkeit und Solidarität. Aus der Einsicht, dass niemand allein trägt, was wir gemeinsam erwarten. Dass niemand allein hält, was uns zusammenhält.

Eine Gesellschaft, die diese Einsicht verliert, kann noch so laut „Wir“ rufen – sie wird auseinanderdriften. Nicht zufällig, sondern weil wir es zulassen.

Vielleicht ist dieses Weihnachten ein guter Moment, weniger zu versichern und mehr zu fragen.

Nicht: Was soll der Staat leisten?

Nicht: Wer ist schuld?

Sondern: Was bin ich bereit zu tragen – damit „Wir“ wieder mehr ist als ein Wort?

Frohe Weihnachten – und allen Nicht- und Andersgläubigen besinnliche Feiertage.

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